Meinung

Schreckliches Déjà-vu – Ukraine 2022 wie Polen 1939?

Wenn ein ehemaliger polnischer Staatspräsident Russland zerschlagen will, ist das keine banale Einzelmeinung, auch wenn deutsche Medien die Aussagen dieses Mannes bislang totschweigen. Wie schon im Jahr 1939 trägt nun ausgerechnet wieder Polen dazu bei, einen Keil zwischen Russland und Deutschland zu treiben.
Schreckliches Déjà-vu – Ukraine 2022 wie Polen 1939?Quelle: www.globallookpress.com © Flashpic/Keystone Press Agency

von Thorsten Schulte

Die USA hätten damals den 2. Weltkrieg verhindern können. Sie hätten auch im Jahr 2022 den Frieden sichern können. Dies beweisen wir gleich mit Quellen, die jeder Zuhörer überprüfen kann. Dies richtet sich an Russen, Ukrainer, Polen und Deutsche gleichermaßen.

Wie 1939 in Polen gibt es aktuell in der Ukraine erschreckende Entwicklungen. Wir müssen aus der Geschichte lernen, oder wir gehen einer neuen Katastrophe entgegen. Der polnische Ex-Präsident Lech Wałęsa sagte vor wenigen Tagen wörtlich:

"Es ist notwendig, entweder das russische politische System zu ändern oder die russische Bevölkerung auf weniger als 50 Millionen Menschen zu reduzieren."

Ohne einen Regimewechsel in Moskau könne die globale Sicherheit nur durch eine Zerstückelung des heutigen Russlands gewährleistet werden, das in Wałęsas Augen imperial geblieben sei, kommentiert eine der wichtigsten französischen Zeitungen, Le Figaro. Wie kann ein Mann, der einmal polnischer Staatspräsident war, solche Abartigkeiten von sich geben? Russland zerschlagen, auf 50 Millionen Menschen reduzieren? Viele Polen scheinen nichts aus 1939 gelernt zu haben, aber dazu erst später mehr. Übrigens: Wałęsa bekam allein 32 Ehrendoktortitel in den USA. Man weiß, wo er steht.

Erinnern wir uns noch, wie das polnische Außenministerium am 9. März dieses Jahres mitteilte, man sei gewillt, alle Kampfflugzeuge der polnischen Luftwaffe vom Typ Mig-29 unverzüglich und kostenlos nach Ramstein in der Pfalz zu verlegen und den USA zur Verfügung zu stellen, um sie anschließend in die Ukraine zu liefern. Ramstein liegt in Deutschland.

Und ganz nebenbei: US-Militärstützpunkte in Deutschland, so stellte selbst der Deutsche Bundestag fest, sind kein exterritoriales Gebiet. Da ist ein solcher Vorschlag für Polens Nachbarn Deutschland sehr brisant. Die Polen hätten doch die Mig-29-Kampfflugzeuge direkt in die Ukraine liefern können. Warum wollten sie den Umweg Deutschland wählen?

Wenn man eine solche polnische Regierung zum Freund hat, braucht man als deutsche Regierung keine Feinde mehr. Selbst den USA war der Vorschlag zu heikel, denn sie bevorzugen es, andere für sich kämpfen zu lassen.

Die Polen haben ihre Erdgasspeicher auch zu 98 Prozent gefüllt, während die Deutschen aktuell – Stand 22. Juli – nur auf 65,5 Prozent kommen.

Waren die Polen schlauer oder besser informiert als die Deutschen, oder beides? Polens Energieministerin Anna Moskwa erklärte jüngst, Warschau sei zwar für Solidarität, aber die Energiesicherheit des eigenen Landes habe absoluten Vorrang. Ob das die deutschen Bundesminister Habeck und Baerbock auch so sehen? Fragen sind doch erlaubt.

Ach, und gleichzeitig unternehmen die Polen alles, um Deutschland und Russland auseinanderzubringen. Jeder möge sich mal mit der Drei-Meere-Initiative beschäftigen, und mit Polens Traum namens Intermarium.

Schon der polnische Marschall Józef Piłsudski träumte nach dem Ersten Weltkrieg von dem Großprojekt einer Konföderation der Staaten im Raum zwischen dem Schwarzen Meer und der Ostsee. Am 25. August 2016 wurde auf Bestreben Polens und Kroatiens eine Drei-Meere-Initiative gegründet. Sie zielt auf die Landmasse zwischen der Adria, der Ostsee und dem Schwarzen Meer.

Was ist der Zweck dieses Projektes? Deutschland und Russland sollen voneinander ferngehalten werden.

Und die Ostseepipeline Nord Stream 2 wollten die USA mit allen Mitteln verhindern. Sie haben dies ja dann im Februar 2022 auch geschafft. Scholz, Habeck und Baerbock machten da nur den Bückling. Aber wie sagte Wirtschaftsminister Habeck noch bei seinem Antrittsbesuch in Washington? Die "Bereitschaft, eine dienende Führungsrolle auszuüben" werde in der US-Hauptstadt erfreut zur Kenntnis genommen. Habecks DIENEN lässt die USA prächtig verdienen.

Das Folgende soll Polen und Ukrainer warnen, und uns allen eine Lehre sein. Lernt aus der Geschichte und lasst Euch nicht verheizen!

In meinem Buch "Fremdbestimmt" erläutere ich mit belegten Quellen, wie der US-Diplomat Charles E. Bohlen alles über die Inhalte des Hitler-Stalin-Paktes erfahren hatte und bereits am 24. August 1939 um 12 Uhr mittags ein Telegramm auch mit den geheimen Inhalten über die Aufteilung Polens nach Washington geschickt wurde. Bohlen selbst erklärt in seinen Memoiren:

"Auf jeden Fall gab Washington keine Stellungnahme heraus und ergriff auch keine Maßnahmen, welche die Vereinigten Staaten in Verlegenheit gebracht hätten, nachdem der Vertrag angekündigt worden war." (Buch Fremdbestimmt, Fußnote 494: Charles E. Bohlen, Witness to History 1929-1969, New York 1973, Seite 83-85)

Man schwieg also und dies, obwohl laut heute verfügbaren Dokumenten der stellvertretende US-Außenminister Sumner Welles dem britischen Botschafter in Washington, Sir Lindsay, nur einen Tag vorher, am 23. August 1939, mitgeteilt hatte:

"Jede Erwähnung Polens (in dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt) ist ausgeschlossen." (Fußnote 495: Documents on British Foreign Policy 1919-1939, 3. Serie, Volume VII, Seite 154 (No. 185))

Nachdem der deutsch-sowjetische Vertrag dann in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1939 unterzeichnet worden war und der US-Diplomat den kompletten Inhalt am Morgen des 24. August 1939 erfahren hatte, unternahmen weder Sumner Welles noch andere Personen aus der US-Regierung etwas, um die Beschwichtigungen rückgängig und die reale Bedrohung publik zu machen.

Der deutsche Historiker Dirk Bavendamm fragt:

"Warum eigentlich nicht? Die Antwort kann nur lauten, dass der amerikanische Präsident lieber die Teilung Polens riskierte als einen Zerfall der europäischen 'Friedensfront'." (S. 496)

Anders ausgedrückt, ebenfalls mit den Worten Bavendamms:

"Roosevelt wollte den Krieg, und Polen rannte ungewarnt in sein Verderben." (S. 496)

Die Polen schlossen im März 1939 ein Bündnis mit den Engländern und glaubten, im Krieg mit Deutschland würden die britischen und französischen Soldaten ihnen zu Hilfe eilen.

Ich schreibe:

"Was geschah dann mit Polen? Das Land hatte nicht mit Hitler verhandelt und war sich sicher, von England und Frankreich im Kriegsfall unterstützt zu werden. Tatsächlich jedoch ließen beide Staaten die Polen im Stich. Prof. Carroll Quigley schrieb, dass Polen keine Unterstützung erhielt: 'Britische Flugzeuge zogen über Deutschland hin und warfen Flugblätter zu Propagandazwecken ab. Französische Patrouillen wagten sich in den Raum zwischen der Maginot-Linie und dem deutschen Westwall vor, aber Polen erhielt keine Unterstützung. Obwohl Frankreich drei Millionen Mann unter Waffen und Hitler nur acht reguläre Divisionen an seiner Westgrenze zurückgelassen hatte, kam es zu keinem Angriff Frankreichs.' (S. 507) Die britische Luftwaffe erhielt den strikten Auftrag, keine deutschen Landstreitkräfte zu bombardieren, und diese Aufträge wurden bis April 1940 nicht geändert."

Im Oktober 2018 traf ich den russischen Schriftsteller und Historiker Nikolai Starikow in Moskau. Er schreibt, was britische und amerikanische Historiker verschweigen. Er schildert, wie eine polnische Militärdelegation unverzüglich nach Kriegsbeginn nach London flog, aber eine ganze Woche auf den Empfang durch den britischen Generalstabschef, General William Edmund Ironside, warten musste. Dieser eröffnete ihnen, der britische Generalstab habe keinerlei Plan, Polen zu helfen. Der britische Außenminister Earl of Halifax sprach zwar dem polnischen Botschafter in London, Graf Raczyński, sein Mitgefühl aus, um dann zu möglichen Waffenlieferungen zu erklären, dass Großbritannien "seine Kräfte nicht zersplittern kann, die es für entscheidende Handlungen benötigt". Starikow stellt treffend fest:

"Die Niederträchtigkeit seiner Verbündeten hat die Führung von Polen hervorragend verstanden, daran gibt es nicht den geringsten Zweifel. Ein Beweis dafür ist die neue personelle Zusammensetzung der polnischen Exilregierung, die sich im Oktober 1939 in London konstituierte. Diejenigen, welche die Briten verraten hatten, wollten mit ihnen schon nichts mehr zu tun haben. Auch für die Briten war der Umgang mit Leuten wesentlich leichter, denen sie keinerlei Versprechungen gegeben haben." (S. 509)

Der russische Präsident Wladimir Putin hat zur Vorgeschichte des 2. Weltkriegs und zur Rolle der Polen für sie Unrühmliches zutage gefördert. Der ins Deutsche übersetzte Beitrag ist nur noch im Archiv des Internets abzurufen, und wir verlinken ihn im Skript zu diesem Podcast. Natürlich kochten die Polen vor Wut, weil er ihnen in diesem Beitrag den Spiegel vorhielt. Denken wir nur an Putins Hinweis auf einen Satz, den der polnische Botschafter in Deutschland, Józef Lipski, beim Gespräch mit Hitler am 20. September 1938 ausgesprochen hatte:

"Für die Lösung der jüdischen Frage werden wir (Polen) ihm (…) ein schönes Denkmal in Warschau aufstellen."

Putin hat in diesem Beitrag auch den Vertrag von Versailles, den Diktatfrieden nach dem 1. Weltkrieg gegenüber Deutschland, als "Symbol tiefer Ungerechtigkeit" bezeichnet. Er nannte das Zitat des Oberbefehlshabers der alliierten Truppen im 1. Weltkrieg, des französischen Marschalls F. Fosh, prophetisch:

"Das ist kein Frieden, das ist ein Waffenstillstand für zwanzig Jahre."

Als Deutscher danke ich Putin für diese klaren Worte zu unserer Geschichte. Denn ohne diesen Versailler Vertrag wäre Hitler kaum an die Macht gekommen. Nur durch ihn wurde Deutschland in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts zum höchst verschuldeten Land der Welt. Hitler konnte dann die Weltwirtschaftskrise, die Deutschland angesichts der gigantischen Auslandsschulden besonders traf, für seine Ziele nutzen.

Lernen wir aus der Vergangenheit. Polen und Ukrainer, wollt Ihr für eine Dritte Macht außerhalb unseres Kontinents alles riskieren und alles verlieren? Ich hoffe nicht, denn verlieren werden wir ansonsten alle.

Thorsten Schulte ist eine Stimme der Vernunft zu Wirtschaft und Politik in Europa. Er ist der Autor von Büchern wie "Kontrollverlust – Wer uns bedroht und wie wir uns schützen" (Spiegel-Bestseller Platz 1, mit Vorwort von Willy Wimmer) und "Fremdbestimmt: 120 Jahre Lügen und Täuschung", redet Tacheles, deckt auf, klagt an und entwirft einen besseren Weg für Deutschland.

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