Deutschland

"Der Russe ist ein Freund" ‒ RT präsentiert Buch über deutsche Erinnerungen an Sowjetsoldaten

Gäste aus ganz Deutschland waren am Dienstag in der russischen Botschaft zu Gast. Anlass war die feierliche Vorstellung eines Buchprojekts von RT. Deutlich wurde: Die Bewahrung des Gedächtnisses gilt als Schlüssel zur Gesundung der deutsch-russischen Beziehungen.
"Der Russe ist ein Freund" ‒ RT präsentiert Buch über deutsche Erinnerungen an Sowjetsoldaten© Wladislaw Sankin

Von Wladislaw Sankin und Astrid Sigena

Der Zweite Weltkrieg ist 81 Jahre her, die Zeitzeugen schwinden. Außerdem werden die Russen im Westen aus dem kulturellen Gedächtnis ausgegrenzt. Anlass genug für RT, ein Buchprojekt zu starten, das die Erinnerungen von Menschen der Ergebnisgeneration sammeln sollte. Diese Menschen waren noch Kinder, als sie den Einmarsch der Roten Armee oder später die sowjetische Besatzung erlebten. Und oft gab die Begegnung mit Sowjetsoldaten eine Wende, die das künftige Leben dieser Kinder über Jahrzehnte bestimmen sollte.

RT-Chefin Margarita Simonjan, die aufgrund von Sanktionen nicht persönlich zugegen sein konnte, bedankte sich beim feierlichen Empfang in der russischen Botschaft bei den Lesern aus Deutschland und Österreich für die Einsendung ihrer Erinnerungen der Kriegs- und Nachkriegszeit, die das Buch "Dankbarkeit, die ein Leben währt" ermöglicht hatten. Diese Briefe "voller Dankbarkeit und Anerkennung" würden zu Tränen rühren. Die Texte erzählten, "wie Mitgefühl die Feindseligkeit überwand".

Durch ihre Hilfe für die notleidende Zivilbevölkerung waren die sowjetischen Soldaten "nicht nur Sieger, sondern auch Retter". Simonjan drückte ihre Hoffnung aus, dass Projekte wie dieses Buch zu einem gemeinsamen Gedächtnis von Deutschen und Russen beitragen könnten.

Der Botschafter der Russischen Föderation, Sergei Netschajew, begrüßte die Gäste und wünschte dem Buchprojekt viel Erfolg sowie viele begeisterte Leser. Er bedankte sich für das Engagement deutscher Bürger, insbesondere des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, für die Pflege der sowjetischen Gräber. Russland wisse die Solidarität seiner deutschen Freunde zu schätzen. Die deutsch-russischen Beziehungen seien in den vergangenen Jahrzehnten einzigartig gewesen. Es sei nicht Russland, das die Brücken abgebrochen hat. Er forderte das Publikum zu mehr Optimismus auf und erklärte: "Wir sind zum Erfolg verdammt!"

Der frühere NVA-Offizier Jürgen Scholtyssek betonte, dass seine Kindheitserfahrungen eigentlich kein Einzelfall gewesen seien. Für ihn und seine Altersgenossen seien die sowjetischen Soldaten und Offiziere immer Freunde gewesen.

In der schweren Nachkriegszeit, erzählt Scholtyssek weiter, hat ein sowjetischer Offizier, eigentlich ein Deutschlehrer aus Omsk, seine Essensportionen mit der Familie Scholtyssek geteilt. Dieser Offizier, der zusammen mit einem Kameraden bei der Familie einquartiert war, hat oft mit dem jungen Jürgen gesprochen und ihm vieles erklärt. "Maltschik" hat er ihn genannt und ihm dabei über den Kopf gestrichen. Reale Vertreter des Vielvölkerstaates Sowjetunion, die ihm begegneten, standen im krassen Gegensatz zu dem zur Nazizeit gepflegten Feindbild der "Russen" auf Propaganda-Plakaten als aggressiv wirkender Bär.

Scholtyssek wusste auch viele Anekdoten aus seiner Zeit in der NVA über Erlebnisse mit seinen sowjetischen Freunden zu berichten. Die deutsch-russische Freundschaft hat für ihn immer noch den größten Stellenwert. Im Gespräch mit RT DE äußerte er große Besorgnis über die gegenwärtigen Entwicklungen: Besonders empört ihn, wenn Russlands Rang als Kulturnation geleugnet wird. Außerdem erklärte er: Russland wird niemals eine Aggression gegen Deutschland verüben.

Der zweite Gast, Dr. Wolfgang Biedermann, schilderte seine Nachkriegskindheit im zerstörten Frankfurt/Oder und wie beeindruckt er von den Uniformen der sowjetischen Soldaten gewesen ist. Als Kind hatte der kleine Wolfgang zusammen mit seinem Bruder den Abriss einer Ruine beobachtet. Einer der anwesenden Sowjetsoldaten lud die Kinder zu Brot und Suppe ein. Biedermann: "An das Brot kann ich mich besonders gut erinnern. Es war ein so herrliches Brot, so gut hatte ich vorher noch nie gegessen."

Ein anderer Soldat hätte ihm die Aussicht von einem hohen Gebäude aus gezeigt. Die Soldaten hatten sich offenbar Sorgen um die Kinder gemacht, denn die ersten russischen Worte, die er lernte, waren die Erkundigung nach der Familie: "Papa jest? Mama jest? Sestra jest? Brat jest?" Diese Begegnungen hätten sein Bild von den Russen tief geprägt.

Die Idee hinter dem Projekt war, die Geschichte zu bewahren, die in Deutschland aktiv umgeschrieben wird, erklärte die Projektleiterin Marija Jürgens. "Wir wollten die Erlebnisse und Geschichten aufbewahren und an unsere Kinder weitergeben", sagte sie. Letzteres sei für die Chefredakteurin des Senders, Margarita Simonjan, ein besonderes Anliegen, was die Projektleiterin in ihrer Anrede an das Publikum in der Botschaft betonte.

"Wir haben über hundert Zuschriften bekommen und wir bekommen immer noch welche. Wir sind den Menschen sehr dankbar, dass sie ihre persönlichen Erlebnisse mit uns geteilt haben", so Jürgens.

Die bekannte Schauspielerin und Publizistin Gabriele Gysi war auch beim Empfang zugegen. Sie kam im ersten Nachkriegsjahr zur Welt. Im Gespräch mit RT DE äußerte sie Achtung vor der "irrsinnigen Kulturleistung der sowjetischen Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg". Vor allem die Akzeptanz des deutschen Leidens nach dem Krieg und die Empathie gegenüber dem Feind von gestern findet sie so beeindruckend. Dies sei das, was wir auf jeden Fall lernen können.

Sie beklagte Geschichts- und Erinnerungslosigkeit in ihrem Land. Deswegen sei das von RT herausgebrachte Buch ein wichtiger Meilenstein, der gegen das Vergessen helfe, und dafür sei sie dem russischen Sender dankbar. "Nachher finden wir die deutsche Geschichte nur noch in Russland, weil sie die einzigen sind, die sich erinnern, die einzigen, die die deutsche Kultur als deutsche Kultur hochschätzen, die Deutsch lernen, Deutsch lesen, die die deutschen Klassiker kennen."

Die Erzählungen über das Eintreffen der Roten Armee sind Teil der Familiengeschichte vieler Ostdeutscher geworden. Das zeigt das Beispiel der Theaterregisseurin Katrin Schülein. Im Gespräch mit RT DE berichtete sie über die Begegnungen mit den Sowjetsoldaten aus Erzählungen ihrer Eltern, die damals auf der Insel Usedom gelebt haben. Sie hätten sich ähnlich verhalten, wie es von den Protagonisten des vorgestellten RT-Buches beschrieben wird. 

"Sehr herzlich, sie haben geteilt und das sind Geschichten, die prägen sich als Kind ein." 

Schülein, die seit 2015 das Theater Ost im ehemaligen Studio der "Aktuellen Kamera" leitet, versichert: "Ich gebe diese Erinnerungskultur gern an meinen Sohn weiter, damit sie nicht verwässert und nicht verdreht wird." Ihr persönlich als Balletttänzerin sei die Freundschaft zur ehemaligen Sowjetunion und zu Russland sehr wichtig. 

Nicht nur die Ostdeutschen haben die Russen aufgrund der vielen Kontakte gut in Erinnerung. Viele Heimkehrer aus dem Westen trügen trotz beschwerlicher Verhältnisse in der Gefangenschaft positive Erinnerungen. Darauf wies Publizistin Christiane Reymann im Gespräch mit RT DE hin, als sie von einem Zeugenbericht des Bankers und ehemaligen Wehrmachtssoldaten Arthur Gebauer berichtete. Unter dem Titel "Feindesliebe – Gottesliebe" erschien er auf der Webseite der von ihr ins Leben gerufenen Initiative "Russland ist nicht unser Feind".

Gebauer erzählte, "dass die Menschen mit ihm, dem deutschen Kriegsgefangenen in Russland, wo die Bevölkerung auch zum Teil hungern musste, Essen geteilt haben, und dass russische Mütter, die drei vermisste Söhne hatten, ihm zu essen gegeben haben". Über sein ganzes Leben hinweg habe er die Dankbarkeit und den Wunsch nach Aussöhnung bewahrt. Nach der Veröffentlichung seines Berichtes vor erst wenigen Tagen habe Reymann viele Zuschriften und weitere Zeugenberichte erhalten. Seine Geschichte gehe den Menschen sehr nahe und berühre das Herz, so die Friedensaktivistin.

Auch der AfD-Abgeordnete und langjähriges Mitglied der parteienübergreifenden Friedensbewegung, Dr. Rainer Rothfuß, besuchte an diesem Tag die russische Botschaft. Sichtlich gut gelaunt war auch er bereit für ein ausführliches Interview. Das RT DE-Projekt und den Beitrag der Ostdeutschen zur gemeinsamen Erinnerungskultur lobte er.

"Wenn sich Menschen begegnen, dann können keine Feindbilder entstehen", sagte der Politiker. Und die Menschen, die in der DDR sozialisiert wurden, seien daher ein ganz wichtiger Teil unserer deutschen Gemeinschaft, unseres deutschen Volkes, weil sie persönliche Erlebnisse haben. Aufgrund der Besatzung hätten sie persönliche Begegnungen mit Russen, mit russischen Soldaten.

"Da können nicht so leicht Feindbilder entstehen. Dann können die Feindbilder nicht so leicht medial in die Köpfe und Herzen der Menschen eingepflanzt werden."

Er empfinde es als Bereicherung, dass es in Deutschland kein einheitlich negatives Russlandbild gebe und man diesem auch nicht offen gegenüberstehe. Er habe sich immer dafür eingesetzt, "dass wir uns durch Verständigung, durch Austausch, durch Kontakt vollständig von Feindbildern lösen", aber das sei leider ein langer Weg.

Diesen Weg beschreitet Rainer Rothfuß selbst seit vielen Jahren mit seinem eigenen Tun. Bevor er vor zwei Jahren als Nachrücker in den Bundestag wechselte, war Rothfuß leidenschaftlicher Volksdiplomat. So war er einer der Hauptinitiatoren der berühmten Druschba-Fahrten nach Russland in den Jahren 2015 und 2016 und später nach Serbien.

Zum Schluss des Gesprächs zeigte der Abgeordnete, der an seinem Anzug die deutsch-russische Anstecknadel trug, auch noch den Anhänger seines Büroschlüssels im Bundestag. Dieser ist in Form eines Herzens in den Farben der deutschen und russischen Fahnen gefertigt, in der Mitte ist eine weiße Friedenstaube. Das Emblem ist in der Friedensbewegung seit Jahren weit verbreitet, und das habe er mit einem Freund entworfen, berichtet Rothfuß. Der Urheber zeigte sich stolz und erklärte, dass er die Druschba-Friedensfahrten nach wie vor für das Richtige halte. Die Volksdiplomatie werde in Russland hochgeschrieben. "Die Völker müssen ihre Regierungen korrigieren und wieder auf einen friedlichen Kurs bringen."

Wenn die Veranstaltung etwas gelehrt hat, dann zweierlei: Eine gütige Tat kann noch über Jahrzehnte hinweg im Herzen des Beschenkten nachleben und die Einstellung desjenigen für immer ändern. Und: Im Zeitalter der Erinnerungskriege und der Infragestellung sowjetischer Ehrenmale ist es umso notwendiger, dass Deutsche und Russen zu einer gemeinsamen Form der Erinnerung finden. Nur so können alte – und mittlerweile wieder erneuerte – Feindbilder endgültig überwunden und durch Freundschaft ersetzt werden.

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