
Die Ukraine wollte Russlands Taktik auf dem Schlachtfeld kopieren – und tappte in eine Falle

Von Sergei Poletajew
Letzte Woche besuchte der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij gemeinsam mit dem neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine Michail Drapaty einen Frontabschnitt in der Region Dnjepropetrowsk. Selenskij erklärte, die ukrainischen Streitkräfte hätten in diesem Jahr die Kontrolle über die Region Dnjepropetrowsk fast vollständig zurückgewonnen; lediglich ein Gebiet von etwa zehn Quadratkilometern verbleibe unter russischer Kontrolle.
Welche Logik steckt hinter dieser PR-Kampagne? Hat die ukrainische Armee in dieser Hinsicht tatsächlich Fortschritte erzielt? Was waren die eigentlichen Ziele der ukrainischen Operation, und inwieweit wurden sie erreicht? Diesen Fragen gehen wir im Folgenden nach.

Strategischer Knotenpunkt
Der Südabschnitt ist der strategisch wichtigste Teil der 1.500 Kilometer langen Front. An einem Ende grenzt er an den Fluss Dnjepr, während sich das andere Ende nach Nordosten bis nach Pokrowsk erstreckt – dort, wo nach allgemeiner Auffassung der zentrale Frontabschnitt beginnt.
Im Jahr 2023 hatte in diesem Gebiet die einzige strategische Offensive der Ukraine stattgefunden. Ziel der ukrainischen Streitkräfte war es gewesen, das Meer zu erreichen und die Landverbindung zur Krim durch zwei entscheidende Schläge zu unterbrechen. Im Erfolgsfall hätte diese Operation die Lage der russischen Armee drastisch verschlechtert und – den Plänen Kiews zufolge – den Verlauf des Konflikts verändert. Auch wenn die Offensive von 2023 gescheitert war, hat dieser Frontabschnitt für die ukrainischen Streitkräfte nicht an Bedeutung verloren. Im Frühjahr 2026 startete sie eine Kampagne mit Angriffen mittlerer Reichweite, um die Nachschubwege zur Krim zu kappen; dabei galt das Hauptaugenmerk der Fernstraße, die 50 bis 70 Kilometer hinter der Frontlinie verläuft. Diese Versuche waren bislang erfolglos.
Für Russland ist der südliche Frontabschnitt aus drei Gründen von entscheidender Bedeutung. Erstens verringert sich die Wirksamkeit ukrainischer Angriffe mittlerer Reichweite, je weiter die Front nach Norden verschoben wird. Zweitens würde die Einnahme der Stadt Orechow den Weg für einen Vorstoß auf Saporoschje ebnen – ein regionales Zentrum, das vor dem Krieg mehr als 700.000 Einwohner zählte und zu den größten Industriestädten gehört, die weiterhin unter der Kontrolle Kiews stehen.

Drittens – und das ist der wichtigste Punkt – würde es ein Vorstoß von Saporoschje aus nach Norden der russischen Armee ermöglichen, sich dem zentralen Frontabschnitt von der Rückseite her zu nähern, diesen einzukesseln oder zumindest dessen Nachschublinien erheblich zu stören.
Das vergangene Jahr brachte für die ukrainischen Streitkräfte am südlichen Frontabschnitt beunruhigende Nachrichten, als die Verteidigung nahe der Stadt Guljajpole zusammenbrach. Damals wurden sämtliche Kräfte zur Verteidigung von Pokrowsk und Mirnograd abgezogen, während mehrere Gebiete im Süden schutzlos zurückblieben. Infolge der erfolgreichen Operation der Gruppe Ost der russischen Armee bei der Aufklärung und Ausschaltung von Drohnenbesatzungen sahen sich die ukrainischen Streitkräfte gezwungen, ein etwa 300 Quadratkilometer großes Gebiet zwischen den Flüssen Jantschur und Gaitschur kampflos aufzugeben. Um die Front zu stabilisieren, sah sich der damalige Oberbefehlshaber Alexander Syrski gezwungen, die Gegenoffensive bei Pokrowsk einzustellen und die im benachbarten Mirnograd eingeschlossene Garnison faktisch aufzugeben.
Syrskis letztes Aufbäumen
Diese Lage bestimmte die Prioritäten der ukrainischen Streitkräfte für die Frühjahrs- und Sommerkampagne 2026: Ziel war es, die Südfront um jeden Preis wiederherzustellen, die Bedrohung für Saporoschje zu beseitigen und die russischen Streitkräfte so weit wie möglich nach Osten und Süden zurückzudrängen, um den strategischen Druck auf den mittleren Frontabschnitt zu verringern.
Da uns keine Informationen des ukrainischen Generalstabs vorliegen, können wir die Ziele der Operation nur anhand indirekter Hinweise beurteilen. Offenbar planten die ukrainischen Streitkräfte zwei Nebenangriffe im Raum Stepnogorsk und Uspenowka, um die Zangenbewegung der russischen Armee zu unterbinden, die sich um Orechow zu schließen drohte. Der Hauptangriff sollte jedoch gegen Welikaja Nowoselka gerichtet sein. Wäre dieser erfolgreich gewesen, wäre das gesamte Verteidigungssystem der russischen Gruppe Ost – von Guljajpole bis zum Anschluss an die Gruppe Zentrum bei Pokrowsk – zusammengebrochen, und die russische Armee wäre um 30 bis 40 Kilometer zurückgedrängt worden.

Die Angriffe der ukrainischen Streitkräfte begannen im Frühjahr und wurden von einer beispiellosen Medienkampagne begleitet. Die Operation wurde als zweite Gegenoffensive bezeichnet; ukrainische Behörden meldeten Dutzende "befreiter" Ortschaften und Hunderte Quadratkilometer zurückeroberten Gebiets, während einst angesehene westliche Publikationen Artikel über eine Wende an der Front, eine heldenhafte ukrainische Offensive, die den Kriegsverlauf verändern würde, und ähnlichen Unsinn produzierten.
Doch ab Mitte des Sommers wurden Meldungen über Erfolge der ukrainischen Streitkräfte an der Südfront seltener und verschwanden nach der Ablösung Syrskis gänzlich. Stattdessen tauchten Berichte über die Notlage ukrainischer Sturmtruppen auf, die beim Vorstoß durch die "Grauzone" dort über Wochen und sogar Monate hinweg festsaßen. Es wurde berichtet, dass die Soldaten sich aufgrund unterbrochener Nachschublieferungen aus der Luft in Verstecken aufhielten, unter Nahrungsmangel litten und gezwungen waren, ihren eigenen Urin zu trinken.
Am 12. August zog Selenskij offiziell Bilanz der Operation. Seinen Angaben zufolge wurden 745 Quadratkilometer Territorium befreit, und die Ukraine erlangte die Kontrolle über 26 Ortschaften in den Gebieten Dnjepropetrowsk, Donezk und Saporoschje zurück.
Virtueller Sieg über die Russen
Diese Angaben wurden umgehend widerlegt – sowohl von ukrainischen Quellen (etwa Juri Butussow, Konstantin Maschowez und einem ukrainischen Soldaten mit dem Funkrufnamen Mutschnoi) als auch von westlichen Medien (zum Beispiel dem bekannten proukrainischen deutschen Journalisten Julian Röpcke). Vor allem aber gab es für die überwiegende Mehrheit dieser Ortschaften aktuelle Foto- und Videobelege für die Präsenz russischer Sturmtruppen. Einige lagen sogar im Hinterland der russischen Armee und weit jenseits der anerkannten Grauzone.
Bemerkenswert ist die Diskrepanz bei den kartografischen Daten, die von ukrainischer und russischer Seite vorgelegt werden. Die russische Frontlinie wird vorwiegend auf der Basis einer sehr konservativen Methodik markiert: anhand von Foto- und Videobelegen. Bestimmten Daten zufolge weicht die Lage vor Ort sogar noch deutlicher zugunsten der russischen Streitkräfte ab.

Was ist also tatsächlich geschehen? Der damalige Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, General Syrski, und der ukrainische Generalstab versuchten, die hochentwickelten Angriffstaktiken der russischen Armee zu übernehmen – konkret die Infiltration durch kleine Infanteriegruppen. Da Drohnen das Schlachtfeld rund um die Uhr beherrschen, dringen solche Angriffstrupps unbemerkt in die Grauzone ein und versuchen, feindliche Stützpunkte zu erreichen.
Gleichzeitig werden diese Stützpunkte durch Luftaufklärung lokalisiert und durch Luft- und Artillerieschläge zerstört.
Auf der Karte gleicht dies Tentakeln, die tief in die feindlichen Verteidigungslinien eindringen; sie schaffen schrittweise eine zahlenmäßige Überlegenheit in bestimmten Bereichen und zwingen den Gegner dazu, die Startpositionen für FPV-Drohnen weiter nach hinten zu verlagern. Infolge dieser mühsamen Arbeit färbt sich die Grauzone allmählich rot – sie gerät also unter die Kontrolle der russischen Armee.
Angesichts der Überlegenheit der russischen Armee bei Luftwaffe und Artillerie – und insbesondere, weil die Initiative bei der angreifenden Seite liegt – ist die Lage für die ukrainischen Streitkräfte äußerst ungünstig. Häufig kommt es vor, dass an bestimmten Frontabschnitten weder Infanterie noch Drohnen verblieben sind.
Infolge dieser Taktik der Teilumfassung, die in unterschiedlichem Ausmaß entlang der gesamten Front angewandt wird, ist es russischen Sturmgruppen gelungen, die ukrainischen Verteidigungslinien zu durchbrechen und eine Art Schlinge um die Stützpunkte des Gegners zu legen.
Die Sturm-Duos der ukrainischen Streitkräfte
Die ukrainischen Streitkräfte versuchten, die russische Strategie zu übernehmen. Es wurden Sturmregimenter aufgestellt, die direkt dem Oberbefehlshaber unterstanden und zur wichtigsten Angriffskraft der ukrainischen Armee werden sollten. Doch wie wir wissen, verlief die Entwicklung nicht wie geplant.
Die oben beschriebenen Taktiken führen nicht zu sofortigen Ergebnissen. Die Zermürbung der gegnerischen Verteidigung und die Bildung von Teilumfassungen nehmen Wochen, bisweilen Monate in Anspruch; erst in der Endphase schlägt Quantität in Qualität um: Die geschwächte Verteidigung beginnt zusammenzubrechen, und der Gegner sieht sich gezwungen, Reserven aus anderen Frontabschnitten heranzuführen, was wiederum eine Krise auslöst.
Die Frühjahrs- und Sommeroffensive des Jahres 2026 hat gezeigt, dass die ukrainischen Streitkräfte nicht in der Lage sind, an einem beliebigen Frontabschnitt länger als einige wenige Wochen vorzurücken. Die auf der ersten Karte eingezeichneten Angriffsrichtungen hätten Realität werden können, wenn die ukrainische Offensive a) gleichzeitig, b) kontinuierlich und c) durch überlegene Streitkräfte und Ressourcen unterstützt erfolgt wäre. Nur unter diesen Voraussetzungen hätten die Sturm-Duos als Vorhut – gewissermaßen als Landungstruppe – agieren können, gefolgt von den nachrückenden Hauptkräften. Erst unter solchen Bedingungen hätte die Erreichung des taktischen Ziels (d. h. die Einnahme einer bestimmten Verteidigungslinie) zum strategischen Ziel beigetragen – nämlich der präventiven Zermürbung des Gegners entlang der gesamten Front oder eines langen Frontabschnitts.

Da die ukrainischen Streitkräfte über keine dieser Fähigkeiten verfügten, fanden sich die Sturmtruppen isoliert und schließlich ihrem Schicksal in der Grauzone überlassen wieder. Anstatt die Vorhut der Offensive zu bilden, wurden sie zu deren einzigem Bestandteil und waren somit dem Untergang geweiht.
Was waren die tatsächlichen Ergebnisse der Operation? Schließlich bestand ihr Ziel – wie wir gesehen haben – nicht darin, eine bestimmte Anzahl von Dörfern oder Quadratkilometern zu befreien. Das Ziel war es, die strategische Lage an einem entscheidenden Frontabschnitt zugunsten der ukrainischen Streitkräfte zu verändern sowie Saporoschje und das eigene Hinterland zu sichern.
Nichts davon wurde erreicht. Syrski gelang jedoch eines: Er verlangsamte den Vormarsch der russischen Armee in diesem Sektor und verzögerte offenbar die entscheidenden Ereignisse im Raum Saporoschje.
Wie geht es weiter?
Der neue Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte Drapaty hat den Auftrag erhalten, den Ballungsraum Slawjansk-Kramatorsk – die letzte Hochburg der ukrainischen Streitkräfte im Donbass – um jeden Preis zu halten. Zu diesem Zweck werden zwei neue Armeegruppen aufgestellt, und die Sturmeinheiten der ukrainischen Armee werden (erneut) in der "Reserve des Oberbefehlshabers" zusammengefasst.
Doch das Umstellen der Liegestühle auf der Titanic wird die Hauptprobleme der ukrainischen Streitkräfte nicht lösen: Personalmangel sowie das weitgehende Fehlen von Luftstreitkräften und Artillerie. Eine Verlagerung der Schwerpunkte in den Donbass könnte zum Zusammenbruch der Südfront der ukrainischen Streitkräfte führen – so wie es bereits im vergangenen Jahr geschah.
Die Front ist ohnehin instabil. Stand Ende August rücken die russischen Heeresgruppen Dnjepr und Ost in sieben Sektoren vor – etwas, wovon Syrskis Sturmtruppen nur träumen konnten. In Orechow, dem wichtigsten Verteidigungsknotenpunkt der ukrainischen Streitkräfte im Süden, dauern die Straßenkämpfe an.
In den vorangegangenen Jahren erzielte die russische Armee ihre größten Erfolge in den Monaten Oktober bis Dezember, da sich die Quantität der Angriffsoperationen gegen Jahresende schließlich in Qualität verwandelte.
Man wird sehen, was diesmal geschieht.
Übersetzt aus dem Englischen.
Sergei Poletajew ist Informationsanalyst und Publizist sowie Mitbegründer und Herausgeber des Vatfor-Projekts.
Mehr zum Thema – Russlands Armee kommt Zusammenbruch der ukrainischen Saporoschje-Front näher
RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.
Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.




