Europa

Gewerbepark auf Gelände des ehemaligen KZ in Leobersdorf – Russische Botschaft in Wien protestiert

Die russische Botschaft in Österreich protestiert gegen den Bau eines Industriegebiets auf dem Gelände des ehemaligen KZ in Leobersdorf. Russische Diplomaten haben die österreichischen Behörden dazu aufgerufen, diese Pläne aufzugeben und damit das Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus zu bewahren.
Gewerbepark auf Gelände des ehemaligen KZ in Leobersdorf – Russische Botschaft in Wien protestiert© Telegram-Kanal der russischen Botschaft in Österreich

Die russische Botschaft in Wien äußerte sich besorgt über die Pläne österreichischer und deutscher Unternehmen, auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers in Leobersdorf in Niederösterreich einen Gewerbepark zu errichten. 

In Leobersdorf, einem der Außenlager der Todesfabrik Mauthausen, waren etwa 400 Frauen und Mädchen im Durchschnittsalter von 23 Jahren inhaftiert, rief die diplomatische Vertretung in Erinnerung. Die Nazis haben sie zu lebensgefährlicher Schwerstarbeit im nahe gelegenen Rüstungswerk Hirtemberg gezwungen. Die Botschaft präzisierte, dass mehr als die Hälfte der Frauen Bürgerinnen der Sowjetunion waren. "Nach der Schließung des Lagers wurden die Gefangenen in einem Fußmarsch nach Mauthausen geschickt, wobei einige von ihnen unterwegs ums Leben kamen", hieß es in der Erklärung. 

Russische Diplomaten unterstützten die Position des Internationalen Mauthausen-Komitees (CIM), das zuvor darauf hingewiesen hatte, dass "Zeugnisse der nationalsozialistischen Vergangenheit zerstört und für immer unter einer Schicht aus Schutt, Stahl und Beton verborgen werden". 

Ferner betonte die Botschaft, dass Russland gegen Versuche auftrete, "die unmenschlichen Verbrechen der Nationalsozialisten und ihrer Komplizen in Vergessenheit geraten zu lassen". In ihrer Stellungnahme hat die diplomatische Vertretung die österreichischen Behörden dazu aufgerufen, den "Verpflichtungen zur Bewahrung des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus gewissenhaft nachzukommen".

Am Dienstag hatte das CIM eine Einstellung des Bauprojekts auf dem Territorium des ehemaligen Frauen-Konzentrationslagers in Leobersdorf gefordert. Dies teilte die Katholische Presseagentur Österreich (Kathpress) unter Berufung auf einen offenen Brief von CIM-Präsident Guy Dockendorf mit. Wie es heißt, sollen auf dem Gelände ein Supermarkt und ein Kühllogistikzentrum errichtet werden. Die Bauarbeiten hätten vor einigen Wochen begonnen.

Die Gedenkorganisation hat dazu aufgerufen, die noch unbebaute Fläche des ehemaligen KZ als Gedenkort zu erhalten. Das aktuelle Vorgehen der Behörden bezeichnete das Komitee als einen "eklatanten Widerspruch zu den Grundsätzen heutiger Gedenkarbeit und Erinnerungskultur".

Ferner betonte das CIM "die überregionale Bedeutung" des Ortes, weil "die Häftlinge aus mehreren europäischen Ländern stammten" und das KZ in Leobersdorf "Teil des nationalsozialistischen Zwangsarbeits- und KZ-Systems war". 

Die Umsetzung des Bauprojekts werde von den lokalen Behörden und Investoren vorangetrieben, weil das Bundesdenkmalamt "keine ausreichenden Voraussetzungen für eine Unterschutzstellung der baulichen Reste" gesehen habe. Laut dem CIM ist die Supermarktkette Lidl als Betreiber des geplanten Supermarkts vorgesehen. Der Betreiber des Kühllogistikzentrums soll "ein großes deutsches Lebensmittelgroßhandels- und Logistikunternehmen" sein, hieß es weiter. 

Der russische Föderationsrat hat die Pläne zum Bau eines Supermarktes auf dem Gelände des ehemaligen KZ in Leobersdorf verurteilt. Senator Sergei Perminow sagte RIA Nowosti, dass dies "historisch nicht zu rechtfertigen und moralisch inakzeptabel" sei.  "Der Streit, in dem das Internationale Mauthausen-Komitee einen sofortigen Baustopp fordert, geht weit über einen lokalen städtebaulichen Konflikt hinaus. Es handelt sich um einen Konflikt zwischen dem kommerziellen Pragmatismus des 21. Jahrhunderts und einer sakralen Pflicht gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus des 20. Jahrhunderts", erklärte Perminow.

Er merkte an, dass Österreich jahrzehntelang einen schmerzhaften Weg von der Vorstellung, "das erste Opfer des Hitlerismus" zu sein, hin zur Anerkennung der eigenen historischen Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus zurückgelegt habe. Die Situation um das Bauprojekt in Leobersdorf stelle einen gefährlichen Rückschritt dar, fügte Perminow hinzu.

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